Randfigur
3. Dezember 2018

Gärten der Welt

Die Schrebergärten mit dem prozentual höchsten Anteil an ausländischen Pächtern liegen in Castrop-Rauxel, mitten im Ruhrgebiet, wo auf Kohle noch einmal ein ganz anderes Miteinander der Kulturen gewachsen ist.

Hinter dem Zaun, den saftigen Hecken, den Blumen und noch bunteren Schildern, wartet er schon. Stephan Bevc, regelt den Zutritt, die Jahreszeiten, hat den Rechen im Anschlag, die Bilanzen im Kopf. Auf der Veranda, alles im Blick.
Er ist der Vorsitzende des Bezirksverbandes Castrop-Rauxel/Waltrop und kennt bis hoch zum Bürgermeister jeden, dazu auch alle Geschichten und alle Pflanzen sowieso.

Er ist der Chef der Kleingärtner und unter allen Bekloppten, so sagt er es gleich, der Bekloppteste. Um das zu machen, muss man schließlich ziemlich einen an der Murmel haben, den eigenen Blödsinn gut düngen.

Gerade unter den vermeintlichen Spießern, sagt er, finden sich Menschen, die ganz offen sind, der Welt und ihren Wendungen gegenüber. Seine Tochter lebt seit einiger Zeit mit einer Frau zusammen, aber auch das ist in den Gärten kein Thema.

Mit Stephan Bevc kann man also über alles reden, sofern man bereit ist, ihn dafür auf seiner Terrasse zu besuchen.

Nur hier gewährt er, der Zaunkönig, Audienz.
Jetzt sitzt er auf seiner Terrasse und bietet erst mal Käffchen an, dazu gibt es, traditionell fast, Mettbrötchen mit reichlich Zwiebeln. Der Empfang in Castrop ist also schon mal nicht halal, obwohl Bevc an anderen Tagen auch darauf achtet. Lamm und Kalb für seine Nachbarn aus Marokko und dem Iran oder die Muslime aus Bosnien. Auch das gehört hier dazu, man muss doch an alle denken.

Er ist in der Laube der Eltern aufgewachsen, in der Enge der Kolonie, und sich deshalb immer sicher gewesen, dass er da niemals mitmachen, nie wie sein Vater werden würde, ein Spießer im Regularienverein. Mit der Volljährigkeit hatte er dann allerdings schon seinen ersten eigenen Garten gepachtet, und damit war die Sache durch, er hat es nie bereut. So ist das Leben, Tel Aviv. Sowas sagt Bevc, inzwischen Anfang 40, zur eigenen Unterhaltung. Mutterwitz wie Muttererde. Alles in Dortmund.
Er wischt sich mit der Hand über die glänzende Stirn, ist schon ein bisschen aus der Puste. Weil er seit Stunden durch seinen Garten hetzt wie ein Blöder. Viel zu tun.

Mach ruhig so weiter, sagt seine Frau, dann bekommst du noch heute einen Herzinfarkt. Stellt dabei die großzügig bestrichenen Metthälften und den sehr schwarzen Kaffee auf die bunte Plastiktischdecke. Bevc lacht, natürlich. Im Garten sterben, das wäre doch was. Ich, sagt er, möchte hier tot umfallen. Einfach ins Beet, Gesicht voran. Und gut ist. Aber bitte erst nach dem Fest. Er, der Chef, erwartet heute die Nachbarschaft, hat dazu ein Bierzelt in den Garten gestellt, mit den passenden Garnituren, selbstverständlich auch das Fass zum Zelt besorgt und eine eigene Playlist zusammengestellt. Die echten Gassenhauer. Die Hits der Achtziger, Neunziger und das Beste von heute. Denn, so ist das schon immer, auf das Bier folgt der Tanz. Bevc swingt jetzt in seinem Gartenstuhl, das Käffchen hat ihm die Wangen rosig getuscht.

Er, gelernter Schlosser und Chemikant, arbeitet noch auf dem letzten Stück Kohle, ist der Hausmeister vom Chemiewerk. Wird also jener Letzte sein, der das Licht ausmacht, ein echter Ruhri eben.
Was bedeutet, er ist einer von hier, weil seine Familie irgendwann von woanders gekommen ist. Das hat er gemein mit all den anderen. Den Entwurzelten und den Zugezogenen, den Flüchtlingen und den Gastarbeitern aus der Rede Angela Merkels. Die Biografien hier im Pott sind brüchig, aber genau in diesen Brüchen ist über die Jahrzehnte hinweg entstanden, was die Menschen heute als Identität besitzen. Völkerwanderungen, sagt Bevc, gab es schon immer. Und der Pott ist seit jeher ein Sammelbecken. Richtiger Melting Pott. Er lacht, das klingt gut. Und wenn du die richtigen Zahlen nimmst, sind es bestimmt 70 Prozent Eingewanderte, mehr wahrscheinlich. Wer, bitteschön, ist denn hier schon Meier seit immer. Wer also hat im Ruhrgebiet keinen Migrationshintergrund. Fragt er, rhetorisch natürlich, um dann seinen eigenen zu erklären, die Mutter aus Österreich und der Großvater, man sagt: Oppa, aus Slowenien. Daher ja auch der Name: Bevc, den man Beeß spricht, auch wenn manche Bäss sagen.
Und während er noch spricht, tritt ein Herr an den Tisch, Vorsitzender in einer Kolonie am anderen Ende Castrops, der sich nachher auch um das Zelt kümmern soll, Bevc hatte ihn erwartet, aber nicht kommen sehen. Der Herr ist mittleren oder schon gehobenen Alters. Das ist schwer zu erkennen, da eine urlaubsfrische Mallorcabräune die Jahre kaschiert. Er, eine feingliedrige Goldkette über offenherzig zur Schau gestelltem, grauem Brusthaar, ist in der Sonne und auf Reisen gealtert, was seinem Gesicht gleichzeitig die Reife des Erwachsenen und das Unbedarfte der Jugend verleiht, ein kindlicher Oppa. Er stellt sich als Lothar vor und zieht sich, ohne weiter zu fragen, einen Stuhl heran.

Stephan Bevc bringt auch ihm Käffchen, sieht dabei aber nicht so glücklich aus. Beobachtet den Lothar jetzt, wie man sonst auf Familienfesten den wirren Onkel beobachtet, der bekannt dafür ist, jede Rede zu halten und doch immer die falschen Worte zu finden.

Lothar besitzt einen Jagdschein, engagiert sich im Ortsverein der SPD und hat in seiner Kolonie drei türkische Familien nebeneinandergesetzt. Die sprechen leider noch immer nicht so gut Deutsch. Aber du, sagt Lothar, ich verstehe sie und die verstehen mich, das reicht mir doch.
Und was den Garten angeht, das ist sowieso alles vorbildlich, da kannst du nicht meckern. Menschlich sind die ganz wunderbar eingebunden. Womit er also gleich im Thema wäre, der Lothar. Er hat jetzt das Wort, und es sieht nicht so aus, als würde er es bald wieder hergeben. Bevc beschlägt vom Zuhören schon die Brille.

Als Kleingärtner, sagt Lothar jetzt, machen wir ja auch Politik, kennen den Bürgermeister, kümmern uns um die Nachbarn. Das ist so im Pott, in den Lauben. Lothar wird jetzt lauter, er trägt links ein Hörgerät. Na hömma, sagt er, wenn das Ruhrgebiet tatsächlich das Herz Deutschlands ist, dann schlägt es auch anders. Das war schon immer so, 70 Jahre lang.
Ruhrgebiet, das hieß immer, zusammenhalten. Lothar erinnert sich. An die Zeit kurz nach den Trümmern, Wirtschaftswunderjahre. Als die Gastarbeiter in die Zechen kamen, sie echte Kumpel wurden. Unter Tage, sagt Lothar, da war man aufeinander angewiesen. In der Kokerei, da war alles Hand in Hand, man musste sich doch auf den Nebenmann verlassen können. Religion, Herkunft, na hömma, das war deshalb scheißegal.

Mit dem Ruß auf den Wangen, den kohleverschmierten Gesichtern, da sahen doch eh alle gleich aus. Wie der Wallraff als Türke, gemeinsam ganz unten. Und als das Zechensterben begann, dieser schleichende Tod der Region, jeder gefallene Schornstein ein letzter Atemzug, standen sie zusammen auf der Straße und wussten nicht, was jetzt wird. Deswegen, sagt er schließlich, war auch der Islam nie ein Problem für uns. Die Türken sind ja schon immer da. In Castrop, da kann es mitunter schlimmer sein, du bist Dortmunder. Schwarz und Gelb, das ist für einige dann die falsche Religion. Der Teufel trägt Puma.

Und Stephan Bevc nickt. Hat er recht, der Lothar. Obwohl er ja im Grunde der einzig echte Ausländer hier ist. Nur geduldet. Er lacht, stimmt’s, Lothar? Und Lothar läuft fast die Plörre aus der Nase, so überrascht ist er. Weil ich eigentlich Pole bin, oder watt? Das ahnt doch keiner.
Nein, sagt Bevc, darum geht es nun wirklich nicht. Der Lothar, erklärt er dann, ist Münsteraner, ein Kaltblut. Stimmt, sagt Lothar, und du bist eher so ein Lippizaner. Immer im Galopp. Bevc schüttelt den Kopf. Die aus dem Münsterland, sagt er, das sind Zugewanderte. Das sind ganz andere Kleingärtner als wir. Der Lothar ist jetzt aufgestanden, spricht im Stehen, stützt sich dabei auf die Plastiklehne, taumelt ein wenig, ein angezählter Preisboxer.
Moment, sagt er, ich habe die Kultur ins Ruhrgebiet gebracht. Kultur? Bei euch da, sagt Bevc, das ist Zigeunersprache. Mischpoke und so. Nein, sagt Lothar, aus der Deckung heraus, das ist Gaunersprache. Masematte. Fahrrad heißt bei uns Letze. Das musst du doch kennen, aus dem Tatort, man sagt auch Tokus. Jetzt ist Schluss, sagt Bevc, wir sind hier im Pott, hier wird anständig schlecht geredet. Du bist noch schlimmer als der Bayer.

Er würde den Lothar jetzt schon ganz gerne loswerden. Aber als ethisch einwandfreier Kleingärtner hat er kein Gift im Haus. Und die Fliegenklatsche auf dem Tisch hilft bei Münsterländern nicht, das sind zähe Burschen. Es ist dies das wunderbare Wortgefecht zweier Dampfplauderer, das jedoch mehr offenbart als den unbändigen Spaß an der Vorführung des jeweils anderen. Wir sind hineingeraten in die große Frage danach, wo Heimat aufhört und die Fremde beginnt.

Es gibt hier in Castrop Menschen, für die sind schon Bochumer eine andere Spezies, so verlaufen die Grenzen. Vor allem im Kopf.
Im Ruhrgebiet, sagt Lothar, da bist du als Münsterländer schon Migrant. Und in Duisburg, sagt Bevc, nicht weit von hier, da sehen die Gärten gleich ganz anders aus. Da beginnt das Rheinland. Und wie er das sagt, klingt es nach Schurkenstaat, nach einem unmöglichen Ort, an dem sie Hunde essen und den Rasen mit Kindertränen wässern. Ein Negativ seiner Heimat. Duisburg, sagt er, gehen Sie doch mal mit offenen Augen durch einen Garten dort, die haben kein Gemüse. Nur Kraut, keine Rüben.
Dann starren die beiden Männer ein bisschen, Bevc über den Rand seiner Brille, Lothar hinein in den Garten, so bunt. Zeigt auf die Hochbeete. Da liegen Klaus und Norbert, sagt Bevc, Humorbeweis.

Hinter den Beeten aber wachsen die Pflanzen, die er von den Nachbarn bekommen hat. In meinem Garten, sagt Bevc, findest du viele Völker. Er steht auf, schiebt seinen Gast beiseite. Geh spielen, Lothar. Er will das jetzt mal zeigen, all die Zugewanderten auf seinem Grundstück, läuft also einmal ums Haus herum, auf dessen Rückseite er einen Teich angelegt hat und Hühner in einem Käfig hält. Stephan Bevc hat Eier, das muss man ihm lassen. Und er, ein großartiger, von der eigenen Begeisterung durch die Sätze getriebener Erzähler, dabei gleichsam Biologe und Heimatdichter, zeigt in die Sträucher, die Wipfel der Bäume, zwischen die Büsche und die Blumen, hinein in das Bunt, sein Auge ein geschultes. Zählt dabei auf, Stämme und Wurzeln, Arten und Exoten. Hier wächst doch alles, von Ägypten bis Indien, einmal quer durch den Garten, auf diesen zweihundert Quadratmetern Ruhrboden, dem Urschlamm seiner Seele, so fruchtbar ist das. Die Indianer-Banane, die Goji-Beere, Kaktusfeigen. Dazu echte Minze, die nordafrikanische, nicht die ordinäre Pfefferminze, Knoblauchgras und, ist schließlich Ruhrgebiet hier, Helichrysum italicum, das Currykraut.
Meine Oase, sagt er, mein Gemüse. Und guck mal dort: Kiwis. Kleingärten sind die artenreichsten Böden überhaupt. Was die Vielfalt angeht, kommt da allenfalls der Botanische Garten ran. Man muss nur die Straße ausblenden, das Rauschen hinter der Hecke, dann ist es ein Paradies. Er holt nun aus, weitläufige Gesten auf begrenztem Grund, fasst das alles noch mal zusammen. Erzählt also von den Exoten, die vor Jahren ins Ruhrgebiet gekommen sind, mit dem Wind, an Bord der Schiffe, nach einer langen Reise, einmal über den Kontinent gewirbelt. Fremdlinge, die hier ein Zuhause gefunden, ganz feste Wurzeln geschlagen haben und heute die Kleingärten bereichern, die Würze im Essen, die Süße im Tee. Und längst ist nicht mehr klar, ob er, der Gartenkanzler, jetzt noch von den Pflanzen spricht oder schon von den Menschen. Man sollte halt, sagt er abschließend, nicht zu monokulturell werden. Schau dir nur den Lothar an, warnendes Beispiel, der hat eine Monokultur in der Birne.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch Heimaterde – eine Weltreise durch Deutschland

Fotos: © Philipp Wente / www.philippwente.com