Der große Preis
17. Juni 2019

Den Namen trägt er jetzt. Und am Gürtel sein Werkzeug, wie früher. Nur weniger schwer. Der Name, gut lesbar auf dem Schild an seiner Brust, erregt Aufmerksamkeit. Herr Glückauf, hinter Plastik. Die Leute fragen ihn dann, immer wieder. Ob er wirklich so heißt. Dieser Name, der klingt wie die Gegend, wie kommt er dazu.

Und er antwortet gern, bleibt dann stehen, hat ja noch Zeit bis zur nächsten Station.

Herr Glückauf ist Schaffner, fährt in die Nacht. Rhein-Ruhr-Express. Zwischen Bochum und Duisburg. Zählt die Gäste am Abend. Gegen die Fahrtrichtung, mit noch wachem Blick.

Der Name stoppt ihn, mal wieder. Er steht ja für etwas. Er hat ihn sich selbst gegeben.

Herr Glückauf liebt Traditionen, er wurde in der Nähe geboren. Zwischen dem Fluss und den Gleisen, Ruhrgebiet.

Als er hier anfing als Schaffner, immer gut sichtbar in der Enge des Zuges, als Kontrolleur. Da musste er sich einen neuen Namen suchen, einen für die Stunden im Dienst, hinter dem er sich nach Feierabend verstecken konnte. Viele Kollegen machen das so, tragen Pseudonyme, wie Künstler. Schaffner, da fehlt der Respekt. Und wenn sie mal einen packen, weil er ohne Fahrkarte ist, und eins das andere gibt, drohende Flüche, dann können sie ihre Namen hinterher neben die Uniform hängen, sie dort lassen im Spind. Damit ihnen die Konflikte des Tages nicht folgen, man sie nicht findet, angeschwärzt, dieses dreckige Wort. Im Telefonbuch oder im Netz. Ein bisschen Abstand von der Bahnsteigkante. Ein Name, der schützt.

Herr Glückauf, da musste er nicht lang überlegen. Sein Großvater war unter Tage, sein Onkel zudem. Er wollte ihnen, kann man so sagen, eine letzte Ehre erweisen. Drei Silben, ein kurzer Salut. Der Gruß der Kumpel als Gruß an die Kumpel. Er ist sich dessen bewusst.

Gerade hat die letzte Zeche geschlossen. Das stand doch überall in der Zeitung. Da kam der Bundespräsident nach Bottrop, da wurde noch einmal das Lied vom Steiger gesungen. Der lange Abschied von der Kohle. Herr Glückauf, ihn hat das besonders berührt.

Jetzt, sagt er immer, fehlt doch etwas. Jetzt kommen die Chinesen und bauen die Zechen ab und bauen sie in China wieder auf. Jetzt, erst recht, darf man das nicht vergessen.

Also hat er sich diesen Namen gegeben. Damit fährt er ganz gut.

Besonders die Alten kennen das noch, die lächeln und machen ein Foto. Klopfen ihm auf die Schulter, als käme er gerade selbst aus dem Schacht. Am Gürtel das Werkzeug, wie früher. Nur weniger schwer.

Herr Glückauf ist Schaffner, fährt über Tage, seine Uniform akkurat. Der graue Pullover, die Krawatte darunter. Der Knoten sauber gebunden, das ist wichtig. Er steht ja für etwas, Nächte zwischen Bochum und Duisburg. Vier Fahrten täglich. Viel Ruhr, wenig Pausen.

Und wenn Schalker einsteigen, dann machen sie Fotos mit ihm. Denken, er wäre einer von ihnen. Der Steiger, der kommt, um ihre Karten zu prüfen. Herr Glückauf, er lächelt dann, aber vom Fußball weiß er nicht viel.

Früher stand er im Ring, hat in den Seilen gehangen, ausgeteilt und eingesteckt. Jeden Schlag und jede Niederlage. Ein Kämpfer, früher ist er in den Zügen Patrouille gelaufen. Eine andere Uniform.

Ein schwarzer Sheriff, so nannten sie ihn und seine Kollegen. Schutzmänner ohne Stern, die für Ordnung sorgen mussten und das Recht dazu hatten. Und wenn es ernst wurde, zogen sie Handschuhe über. In den Zügen, besonders im Dunkeln, kann es gefährlich werden. 14 Jahre Erfahrung. Am Gürtel sein Werkzeug, wie früher. Nur weniger schwer. Wo einst Handschellen waren, immer einsatzbereit, gut sichtbar im Halfter, sind jetzt Drucker und Scanner.

Er hat die Seiten gewechselt.

Er trägt seinen Namen als Schutz.

Herr Glückauf ist Schaffner, er ist groß geworden im Pott. Zwischen dem Fluss und die Schienen, die fort von hier führen. Er fährt achtmal am Tag mit der Bahn. Und kommt doch nie an. Man muss ihn sich als glücklichen Menschen vorstellen. Schaffner, das ist eine gute Arbeit. Die Leute sind freundlich, sie kennen ihn hier. Den Mann mit dem Namen, der klingt wie die Gegend.

Nur manchmal, wenn die Nacht hereinbricht, denkt er wieder an früher.

Dann schnaubt der Zug und die Menschen dünsten den Ärger schon aus. Dann dröhnt Musik aus den Telefonen, liegen die Fäuste bereit. Haftbefehl, halbstarke Duelle, Schwarzfahrer.

Herr Glückauf, manchmal kann man auch Pech haben, dann gerät man hinein.

Der Gruß des Großvaters. Er gilt dann nicht viel.

Am Gürtel Werkzeug aus Plastik. Es wiegt dann sehr schwer.