Lucas Vogelsang ist der Stadtschreiber Ruhr 2019 und besuchte Steger.
Immer noch
8. Februar 2019

Vom Rang aus

Die einen, das weiß man, spielen in der zweiten Liga. Die anderen, so war zu hören, wollen endlich zurück in die erste.

In Bochum ist der VfL zuhause. Castroper Straße.

In Bochum steht das Schauspielhaus. Königsallee.

Das Stadion und das Theater, dazwischen liegen drei Kilometer, dazwischen wabert das Selbstverständnis dieser Stadt, die Vergangenheit auch, bleischwer mitunter.

Im Theater konnte der Arbeiter einst am Abend den Bürger geben, im Sonntagsanzug, herausgeputzt, das war gut fürs Gefühl. Im Stadion kann der gute Bürger heute den Anstand abstreifen, 90 Minuten Schimpf und Schande, und hüpfen, bis ihm die Kräfte ausgehen, bis er verschwitzt zurück in den Schalensitz sinkt, das immer noch zweite Bier in zittrigen Händen.
Im Stadion, auf dem Platz, da haben der Ata gestanden und der Tiger, die Zaubermaus noch dazu. Männer, so wild, so verspielt, dass ihnen das Publikum Tiernamen geben musste. Kratzen, beißen, immer dem Ball hinterher. Das Ruhrstadion war der Käfig, man konnte dort gefressen werden, in den letzten Minuten des Spiels.

Im Theater, auf der Bühne, haben der Maertens gestanden und der Król, der Bär und die Carstensen, Armin Rohde, Gert Voss und Katharina Thalbach. Claude-Oliver Rudolph und Peter Lohmeyer. Virtuosen und Visagen.

Das Haus und der Verein, sie sind an Legenden nicht arm. Hinter ihnen liegen glänzende Zeiten. Das Stadion war mal Schmuckkästchen, das Theater galt einst als Edelstein. Man erinnert sich gern. Das Haus und der Verein, sie sind Nachbarn, aber sie begegnen sich selten.

Zeit also, dass sie mal wieder aufeinandertreffen, sich begegnen. Zeit, dass einer die kurze Distanz überwindet, und dem anderen bei der Arbeit zusieht. Deshalb also steht Johan Simons, der neue Intendant, an einem Dienstagabend in einem dumpfen Raum hinter der Bühne seines Theaters und macht sich bereit.

Es ist sein Antrittsbesuch, er kennt das Stadion nicht, nicht die Stimmung und nicht die Gesänge, die über die Tribünen schwappen, in den Nachmittag hinein, wenn in der Schlussphase doch noch was geht, Aufholjagdfieber, die Fanfaren dazu. Gesänge, gegen die Verzweiflung, gegen die Kälte. Die Häftlinge gegenüber, Krümmede 3, sind längst lippensynchron, kennen jede Strophe, können an der Lautstärke allein den Spielstand erkennen, alle zwei Wochen. Haftverschärfung.

Das alles kennt Simons nicht, er wird es erst heute erfahren. Er weiß um den Verein nur aus Erzählungen, aus der Zeitung, aus der Ferne. Drei Kilometer, aber mindestens eine Spielzeit weit weg.
Simons beginnt jetzt leicht zu wippen, von einer inneren Unruhe bewegt, tatsächlich auf dem Sprung. Er trägt eine dunkle Jogginghose, als käme er gerade vom Training. Johan Simons könnte mit dieser Hose auch problemlos an der nächsten Trinkhalle stehen, ein Fiege Pils in der Hand. Sein Gesicht aber spricht zu einem anderen Publikum. Simons war Intendant an den Münchner Kammerspielen, er hat die Ruhrtriennale geleitet. Er ist jetzt 72 Jahre alt, er trägt zwei Dutzend Spielzeiten in seinen Zügen, die wirken, als wären sie im Gleißen der Scheinwerfer geschmolzen und im Applaus geronnen. Das Theater hat Furchen gezogen in diesem Gesicht. Theater, sagt Simons, dafür brauchst du auch Kondition.

Hier in der Intendanz steht noch ein Tannenbaum, in einer Ecke vergessen, als goldene Spitze trägt er einen Abdruck seiner rechten Hand, einem der Finger fehlen zwei Gelenke.

Johan Simons ballt eine unregelmäßige Faust. Er beherrscht die Bühne und ein Schweigen, mit dem er seine Gesprächspartner in die Enge oder in den Wahnsinn treiben kann. Johan Simons verliert nicht gerne, viele Worte schon gar nicht.

Reden wir also über Fußball.

Er strafft sich, Körperspannung.

Johan Simons ist Holländer, das muss man wissen, er konnte sich dem Spiel nie ganz entziehen. Er stammt aus einem Dorf in der Nähe von Rotterdam, er ist mit dem Vater ins Stadion gegangen, de Kuip, auf dem Platz Moulijn, Troost, Kuyt. Aber wenn die Jungs im Dorf auf dem Platz standen, war er der zwölfte Mann hinter dem Tor. Er hatte kein Talent, er musste die Bälle einsammeln. Er ist dann Tänzer geworden.

Aber, sagt er, ich liebe Fußball sehr. Jeder Holländer tut das, glaube ich.
Dann stellt er sich mitten in den Raum, um von Johan Cruyff zu erzählen. Dem großen Spielmacher von Ajax, dem Erfinder des holländischen Fußballs. Er hatte ihn noch persönlich kennen gelernt. Bei einem Interview, acht Minuten lang, am Tag der Trauer. Bestimmt 20 Jahre her. Da war Cruyff Trainer in Barcelona, und Simons führte im Fernsehen Regie.

Seinen Namen, sagt Simons, hat er nicht genannt. Jeder kannte ihn doch, Cruyff, das ist hängen geblieben, war einmal der Königin begegnet, ein offizieller Empfang. Da, sagt Simons, ist er einen Schritt zurück gegangen. Hat sie kommen lassen.

Um zu zeigen, wer hier der Größte ist.

Simons macht nun diesen Schritt, tanzt den Cruyff, König Johan.
Spitzentyp, sagt er, alles intensiv. Er hätte ihm die Rolle des King Lear gegeben, was auch sonst.

Dann nimmt er seinen Mantel und verlässt das Schauspielhaus durch die Bühnenpforte.

Noch eine Stunde bis zum Anstoß.

Hier, sagt er, ist immer Aufbruchstimmung.

Draußen dann geht er schnell, der Gang federt. Zur U-Bahn, es sind nur vier Stationen bis zum Stadion, am Bermudadreieck vorbei. Simons stellt sich ans Fenster, am Hauptbahnhof steigen Hunderte zu, man kann in diesem Gedränge verloren gehen, er stemmt sich ungerührt gegen die Zumutungen. Weiter hinten beginnen die ersten Gesänge, Bochum ist jetzt wieder blau. Nie mehr zweite Liga. Es könnte auch sein Lied sein, dieses Mantra einer besseren Zukunft, seine Lippen bleiben schmal.

Dann, plötzlich, steigt der Fußballautor Ben Redelings dazu, stellt sich neben Simons, stellt sich nicht vor. Einer kennt den anderen, einer den anderen nicht.
Redelings, der in Bochum geboren wurde und in Amsterdam studiert hat, nennt Simons nur den neuen Intendanten. Es freut uns sehr, sagt er also, wenn der neue Intendant schon Vergleiche zieht. Zwischen dem VfL und dem Theater. Eine andere Liga. Und versucht schließlich, ihn hinein zu drängen, in ein Gespräch unter Fans, in der Enge der Bahn. Möchte ein Ergebnis wissen, eine weise Voraussicht. Simons schaut nach vorn. Tippt dann auf ein 2:0 für den VfL. Redelings nickt, zufrieden. Der hat wohl Ahnung, der neue Intendant. Er zieht einen unsichtbaren Hut und verschwindet in der Masse.

Nächste Station Ruhrstadion.

Und Simons steigt aus, es dämmert bereits. Der Abend ist violett, der Himmel mustergültig.

Er findet seinen Weg unter die Tribüne, es schallt bereits durch die Reihen, das Stadion dampft im Flutlicht, Simons bewegt sich im Schatten, geht an den Säulen vorbei. Darauf die Heiligen von einst. Gerland und Lameck, sie wurden auf den Beton gemalt, ganz so als müssten sie allein, blaue Schultern, das Stadion tragen. Als würde ohne die Geschichte hier einfach alles in sich zusammenfallen.

Simons kennt das, den fortwährenden Rückblick. Im Schauspielhaus hängen die Geister unter der Decke, als hätten sie sich zwischen den Scheinwerfern verfangen. Ein Flüstern, wenn die Leute draußen an der Geraderobe doch wieder von früher erzählen. Von Peymann und Zadek. Oder von Haußmann, bei dem die Fäuste geflogen sind. Geschwätzige Ahnen. Simons trägt sie mit Fassung. Ich, sagt er, mache mir hier keinen Druck wegen der Historie. Man muss es respektieren. Aber das waren andere Zeiten.

Oben dann, das Stadion hell hinter Glas, bestellt Johan Simons eine Currywurst. Er sitzt jetzt im VIP-Bereich, Männer mit Anzügen, Männer mit Geld, Frauen mit Männern, und erregt Aufmerksamkeit.
Die Menschen kommen dazu, auch sie nennen ihn nur den Intendanten, hochachtungsvoll. Als wäre es ein Amt, dem Bürgermeister gleich, ein Präsident der Kultur. Johan Simons ist hier in Bochum, ob er will oder nicht, auf Staatsbesuch. Sie hängen ihm einen Schal um, sie drücken ihm ein Trikot in die Hand. Auf dem Rücken sein Name.

Und ein Funktionär stellt sich vor. Er möchte dem Intendanten gerne etwas sagen, drängt sich näher an die Tischplatte, Simons trinkt einen Schluck Wasser. Ich, sagt der Funktionär, habe immer versucht, die Leute hier zu duzen. Er lacht. Das, sagt er, gelingt mir nicht immer. Aber Ihr Theater duzt mich! Und Johan Simons trinkt Wasser.

Fußball und Theater, sagt er dann, das hat ja auch viele Gemeinsamkeiten. Man muss im Ensemble spielen. Und manchmal hat man auch Gegner.
Und Johan Simons trinkt Wasser. Tritt dann einen halben Schritt zurück. Man muss ihn sich jetzt als Johan Cruyff vorstellen und den Funktionär, das Leuchten in den Augen, als die Königin der Niederlande. Klar verteilte Rollen.

Simons steht auf und geht nach draußen, noch zehn Minuten bis zum Anpfiff.

Er setzt sich, gute Plätze. Links die Bochumer, rechts die Mitgereisten, um ihn herum Prominenz, die ihm nichts sagt. Michael Meier sitzt dort, früher Manager in Dortmund. Michael Skibbe auch, früher Trainer in Dortmund. Sehr viel Vergangenheit, kleine Dramen auch.
Fußball und Theater, sagt Simons schließlich, im Ohr noch den Funktionär, das kann man eigentlich gar nicht vergleichen. Ich finde das immer ein bisschen blöd.

Dann aber atmet er durch, saugt den Moment auf, und tut es doch. Beim Fußball, sagt Simons also, geht es um die Masse. Im Theater immer um das Individuum. Theater, das ist Heldenreise. Da wirft sich immer der einzelne in den Sturm, den Dolch, klatscht traurig gegen die Wand. Während hier im Stadion gerade 15.000 einen Augenblick teilen und unten auf dem Rasen elf Männer den immer wieder bewundernswerten Versuch unternehmen, mannschaftlich geschlossen zu wirken. Das Ensemble im besten Sinne. Links brennen nun erste Fackeln, der Gästeblock leuchtet, raucht, hüpft. Die Gäste tanzen um ihr eigenes Feuer, hoffen wie immer, dass doch noch der Funke überspringt, der so genannte. Simons schaut, nickt. Ich, sagt er dann, liebe die Atmosphäre im Stadion. Und fast sehnsüchtig geht sein Blick in die flackernden Reihen, als könnte dort noch mal etwas anderes lauern. Erkenntnis vielleicht.

Fußball, sagt er, ist immer Moment. Ein Übersteiger, eine Flanke, ein Tor. Aber Theater, selbst wenn es gut ist, kann immer nur so tun, als wäre es ein Moment.

Ein Fußballspiel, das hat der Dramatiker Moritz Rinke einmal gesagt, hat eben keine Generalprobe.

Der Schauspieler, sagt Simons, muss dem Zuschauer das Gefühl geben, zum ersten Mal zu spielen.Der Fußballer aber muss dem Publikum das Gefühl geben, jederzeit Herr der Lage zu sein, als hätte er genau diesen Zweikampf schon Dutzende Male geführt. Beides ist immer ein Kraftakt.

Und Johan Simons lässt das Spiel laufen, in der Halbzeit entwischt er den Funktionären, dann spricht er über die Zukunft, seine Erwartungen. Über die Fragen, die diese Stadt an ihn stellt.
Das Schauspielhaus, sagt Simons, muss von den Leuten wahrgenommen werden, und es muss den Leuten einen Sinn geben. Es gibt ja von ihm das schöne Zitat über den Arbeitslosen, der kämpfen wird, so lange auch das Schauspielhaus nicht aufgibt. Weiter, immer weiter. Ganz frei nach Oliver Kahn. Da wird das Schauspielhaus dann zum Zufluchtsort. Und Johan Simons gewährt Asyl.
Den Zusammenhalt, sagt er, den so ein Verein hat, den kann ein Schauspielhaus auch haben.

Dann schlägt der Torhüter des VfL dem Gegner den Ball vor die Füße und es fällt ein Tor, das sich nicht angekündigt hat, und es entsteht eine Spannung, kurz vor Schluss, die zwei Minuten zuvor undenkbar gewesen wäre. Theater ohne Generalprobe. Das Stadion dröhnt jetzt, ein Käfig wieder. Gegenüber können die Häftlinge jeden Zweikampf erahnen. Wilde Gesänge. Die für den Augenblick größte Bühne der Stadt.

Nächstes Mal dahin, sagt Simons und zeigt in die Kurve, in den Fanblock hinein.

Nächstes Mal bei den Fans. Näher dran an den Bochumern.

Fotos: © Philipp Wente / www.philippwente.com