Gärten der Welt
10. Dezember 2018
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19. Februar 2019

Immer noch

Lucas Vogelsang ist der Stadtschreiber Ruhr 2019 und besuchte Steger.

Lucas Vogelsang ist der Stadtschreiber Ruhr 2019 und besuchte Steger.

Zuerst ist da diese Stimme. Und dann ist da der Fluss.

In beiden liegen Geschichten.

Die Stimme und der Fluss, sie erzählen vom Tod. Steger hat überlebt.
Er ist 74 Jahre alt und wurde hier geboren. Camping-Platz in Witten-Bommern, zwischen dem Ufer, an dem die Boote liegen und dem Radweg, der die Gäste bringt, verschwitzt und durstig.

Steger wartet am Schlagbaum, rot-weiß, Kapitänsmütze, in den Augen ein Lächeln. Er nimmt den Besucher gleich mit, zeigt auf die Wege und auf die Wagen, die Türen sind verschlossen, der Platz liegt unter Planen, abgedeckt gegen die Neugier und gegen das Wetter. In der Nacht kam der Schnee, fünf Zentimeter bestimmt. So etwas hat auch Steger selten gesehen, einen Winter wie diesen. Außer ihm ist niemand hier. Er atmet durch, lauscht. Selbst das Wasser liegt still. Der Fluss, kein Ton, keine Schritte. Die große Ruhe im Winter, sagt er, die kann ich genießen.

Das Geld verdient Steger im Sommer. Aber der Winter, das ist seine Zeit.

Im Winter bereitet Steger den Frühling vor, mit dem Pinsel in der Hand. Streicht die Stühle und die Wände. Die Toiletten und die Ruderboote. Im Winter werden die Farben für den Sommer gemischt.

Dann kommen die Reparaturen, die kleinen Dinge, die lockeren Schrauben. Im Winter stopft Steger die Löcher des Herbstes. Bis das Bild wieder stimmt. Der Platz muss auch in diesem Sommer wieder so aussehen, als hätte es den Sommer zuvor nie gegeben.

Steger war Schreiner, Zimmermann bis zur Rente.
Er öffnet die Tür zur Werkstatt, nährt das Feuer im Ofen, spürt die Wärme im Gesicht. Der Ofen ist aus Metall, er hat ihn vor 40 Jahren von einem Schrotthändler gekauft, seitdem legt er Holz nach, schürt er die Glut. Eine Antiquität, sagt Steger, bald so alt wie ich.

So leicht geht der Ofen nicht aus.

Und Steger erzählt. Seine Stimme füllt diesen Raum, auch sie scheint aus Metall, blechern.

Er könnte mit dieser Stimme Holzplanken schleifen, jede Geschichte winterfest machen.

Steger ist in diesem Haus aufgewachsen, als Kind schon über die Wiese gelaufen, in der Ruhr getaucht, gegen jede Warnung. Er ist am Platz die dritte Generation.
1911 haben die Großeltern hier gepachtet, die Nachen feiner Herren gepflegt. Der Platz wurde zum Erbe, die Mutter führte ihn bis sie starb, sie wurde 92 Jahre alt. Seitdem ist Steger hier Chef, die Schlüsselgewalt, der Platzwart. Er kennt jede Ecke und jede Macke. Er kann die Gäste am Gang schon erkennen, die Radfahrer nach hundert Kilometern Ruhrtal. Der Arsch wund, sagt Steger, die Zunge bis zum Boden. Die lässt er, wenn nichts mehr frei ist, auch mal bei sich übernachten, Ehrensache. Radfahrer schickt Steger nicht weg. Das sind so Dinge, die hat er gelernt mit den Jahren, die hat ihm der Platz beigebracht.
In der Werkstatt hängt sein Leben an den Wänden, dazu die Erinnerungen der anderen, Uhren aus vergangenen Zeiten, Geschenke aus vergessenen Kellern, ausgestopftes Getier. Und blinde Krüge für wirklich staubige Kehlen. An den Decken die Fahnen. Die Borussia aus Dortmund, die Hertha aus Berlin. Steger ist Schalker, seit 60 Jahren, egal. Als Geschäftsmann, sagt er, darf man nicht wählerisch sein. Er hat auch Kölner hier und Bayern, die ganze Bundesliga.

Sie sitzen dann gemeinsam am Tresen. Und Steger schenkt Veltins aus, das Bier vom Assauer, das königsblaue mit der dunklen Seele. Die einen schwören darauf, die anderen verschlucken sich dran. Kämpfe, mit dem Hahn ausgetragen. Glaubensfragen, sie kümmern ihn nicht, aber er kümmert sich drum. Steger schenkt Veltins aus und macht den Dortmundern gern einen Trauerrand um die Flasche. Damit sie nicht sehen müssen, was sie da trinken. Kleinigkeiten, da musste auch erstmal dran denken. Und hängt doch mal der Haussegen schief, nimmt er einen Hammer und richtet ihn, oder er haut einen raus, trifft dabei den Nagel auf den Kopf. Ganz einfach im Grunde. Das ist sein Platz, am Ende macht er doch die Regeln.
Es gibt nicht viele. Die wichtigste sorgt für Ruhe am Abend. Sorgt für einen erholsamen Schlaf auch bei offenem Fenster. Am Tage reißt Steger gern Witze, in der Nacht versteht er keinen Spaß.

Zehn Uhr, sagt er, Schnauze halten. Das heißt Fernseher aus, Radio aus. Wer sich daran nicht hält, kann packen. In Hattingen ist ein anderer Platz.

Aber wer sich benimmt, der kann bleiben. Gerne auch länger. Der kann hier jeden Sommer und auch den zweiten Frühling verbringen. Mit vielen Campern, sagt Steger, bin ich gemeinsam alt geworden. Gut gebräunte Antiquitäten, mit denen trinkt er noch einen, holt weiter aus, mit dem Schwung aus der Jugend. Manche kommen immer wieder, andere plötzlich nicht mehr.

Manchmal geht der Winter vorbei und hinterlässt eine leere Stelle. Ein Gast plötzlich fort.

Wie hatte der Assauer mal gesagt, wenn der Schnee schmilzt, sieht man, wo die Kacke liegt.

Das Sterben, die große Scheiße.

Aber irgendwann wächst auch darüber Gras, und Steger nimmt den Pinsel und malt über altes Holz. Erledigt, was noch zu tun ist. Vermietet die Stelle dann neu. Im Sommer ist es voll hier, die Leute dicht beieinander, da ist kaum Platz, schon gar nicht fürs Sentimentale. Acht Euro die Nacht für den Wagen, vier Euro die Nacht pro Person. Daran ist nicht zu rütteln.
Steger war immer schon hier. Er nimmt die Sachen gelassen und wenn der Fluss über die Ufer tritt, holt er den Eimer und die Gummistiefel aus dem Schuppen. Und wenn das Schicksal an die Scheibe klopft, findet er dort auch eine Schippe, von der er springen kann. Vor 12 Jahren saß ihm der Krebs in der Kehle. Ein Knoten, den kein Seemann öffnen konnte. Ein Stimmband, sagt Steger, musste ich opfern. Seitdem raucht nur noch der Ofen, Steger legt Feuerholz nach. Die lange Rede strengt ihn an, er muss sich dann erstmal erholen. Und wenn er am Kiosk steht, einhundert Leute an heißen Tagen. Gläser, die klingen und Kinder, die schreien, dann schlägt er mit einem Flaschenöffner auf die Theke, verschafft sich Gehör. Laut, sagt er, kann ich nicht mehr. Die Leute verstehen das. Und ihn sowieso.

Steger hält inne, lässt nun den Raum für sich sprechen. Die Wände, den Staub. Dort, zwischen alten Fotos von damals, Witten in Weimar, das Wasser bis zum Hals, hängt dann auch die Geschichte vom Tod. Die Familie, die einmal war. Ein Zeitungsartikel über den Fluss als Ursache.

Der Großvater, sagt Steger, der Bruder, der Vater, alle in der Ruhr ertrunken.
Der Großvater 1927, da hatte das Fischen gerade begonnen.

Der ältere Bruder 1943, im Hafen. Ein Kind noch. Steger hatte ihn früh überlebt.

Den Vater fand er Jahre später am Morgen. Herzanfall, sagten die Ärzte. Vielleicht auch ein Schlag auf den Kopf, er wurde 67 Jahre alt. Ich bin immer noch hier, sagt Steger.

Die Ruhr, in dieser Geschichte ist sie ein gieriger Fluss.
Die Ruhr, sagt Steger, hat ihre Tücken, ruhig ist sie nicht. Die Leute, sagt Steger, sehen nur das Oberwasser, aber darunter lauert die Strömung. Letztens haben sie wieder einen gefunden, der war weiter oben ins Wasser gesprungen, konnte kaum schwimmen, dann kamen die Taucher.

Wenn man an der Ruhr lebt, sagt Steger, muss man mit allem rechnen.

Er hat hier die wildesten Sachen erlebt. Einmal, lange her, kamen die Leute in Scharen, hatten Ferngläser dabei, starrten aufs Wasser. Suchten einen Delphin, tollkühne Flossen. Da, sagt Steger, war der Teufel los. Den Delphin hat es nie gegeben. Eine Erfindung der Zeitung, am 1. April.

Früher gab es noch Märchen am Fluss.

Früher, sagt Steger, gab es mehr Jungfrauen hier. Verstehst du? Er lacht, der Schalk im Nacken des Schalkers. Dann geht er nach draußen.
Im Wasser nur Ratten.

Der Winter ist nicht mehr als ein Schulterzucken.

Der Frühling beginnt, wenn die Radfahrer kommen.

Steger wird auf sie warten, vorne am Schlagbaum.

Mit seiner Stimme. Am Fluss.



Fotos: © Philipp Wente / www.philippwente.com

Die Begegnung zwischen Lucas Vogelsang , Philipp Wente und Steger gibt es am Montag, den 11. Februar 2019 bei Westart zu sehen, im WDR ab 22:40 Uhr

Lucas Vogelsang ist der Stadtschreiber Ruhr 2019 und besuchte Steger.
Lucas Vogelsang ist der Stadtschreiber Ruhr 2019 und besuchte Steger.
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